xeniawenzel

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Der Weg der Einsamkeit

Danke, dass du mir zeigst, dass ich nicht allein sein muss, auch wenn ich es jetzt einmal sein muss, nach so langer Zeit. Die Einsamkeit hat sich in mir breit gemacht, sie blitzt immer wieder auf, wenn du gehst, wenn du da bist, wenn wir eins sind, wenn du mich verlässt. Ich bin jetzt allein. Ich habe diesen verlassen, habe jenen verlassen und nun weitet sich vor mir dieses riesige Loch der Einsamkeit aus, dabei war es schon immer da, ich habe nur mit verschlossenen Augen am Abgrund gestanden. Jetzt muss ich reinspringen. Oder bin schon längst darin. Schwebe in dieser schwarz-violetten Höhle, die so groß ist wie ein Universum, deren Grenzen ich nicht ermessen kann, in der ich verloren und ganz und gar auf mich allein gestellt bin.

Danke, dass du mich dazu bewogen hast, mich auf diesen Raum einzulassen. Du zeigst es mir ganz deutlich und unverblümt. Indem du meine Einsamkeit kurz überdeckelst und mich dann doch wieder mit ihr allein lässt. Mit all deiner Härte zeigst du mir, dass ich da jetzt durch muss, denn du wirst mir nicht helfen. Doch du bist nicht böse, nein, du hilfst mir. Du zwingst mich, den Weg der Einsamkeit zu beschreiten, der doch nur ein Weg des Einzelnen sein kann. Ich kann nicht anders, als ihn allein zu gehen, ich muss, und irgendwie will ich jetzt auch. Denn ich weiß, dass ich keine Wahl habe. Früher oder später musste ich das Reich der Einsamkeit für mich entdecken; ein Ort, dem ich nicht entfliehen kann, der immer und überall da ist, der wie eine Blase um mich schwebt, mein ständiger Begleiter. Der sich mir aufdrängt und mir immer wieder seine häßliche Fratze zeigt. Fluchtversuch sinnlos.

So gern ich mich verliebe, so gern ich es dazu benutze, alles andere um mich herum zu vergessen und nur in diesem Gefühl zu sein, weiß ich doch, dass ich den Raum der Einsamkeit dadurch nicht verlassen, sondern höchstens kurz vergessen, mich in ihm betäuben kann. Verliebtheit ist Egoismus und dafür werde  ich dich nicht mißbrauchen. Danke, dass du mir das gezeigt hast. Dass du das nicht mit dir machen lässt. Du hast mich von meiner Verliebtheitswolke runtergeholt, zurück auf den Weg der Einsamkeit, den ich gerade zu beschreiten imstande war. Jetzt könnte ich weinen über den Verlust unserer reinen, unberührten Liebe, über den Bruch ihres naiven Voranschreitens, über das Verschwinden der Leichtigkeit, mit der wir uns begegneten. Ja, all das hätte so schön sein können, und wäre doch nur eine weitere Runde in meiner Flucht vor dem Weg der Einsamkeit gewesen. Diesen Weg müssen wir alle gehen. Vielleicht bist du ihn noch nicht gegangen, vielleicht auch doch, und jetzt kann ich von dir lernen. Und meinen Frieden mit ihm schließen.

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Die Bedeutung der Worte

Meine Sprache langweilt mich.
Immer dieselben Worte, die ich benutze,
die immer das Gleiche sagen,
so sie es doch nicht sollen.

Sonst weiß ich immer, was zu sagen.

In deiner Gegenwart, doch, fehlen mir die Worte.
Du machst mich ganz stumm und verlegen.

In deiner Gegenwart kommen die Worte zu neuer Bedeutung.
Sie wiegen so schwer, dass ich es kaum wage, sie auszusprechen.

Worte, die ich schon hunderte Male ausgesprochen habe,
scheinen, wenn wir sie uns sagen, im neuen Lichte.
Sie erreichen ihre ursprüngliche Bedeutung,
die schon längst zu vergessen werden drohte.

Jedes deiner Worte sauge ich in mir auf
und gebe ihnen die Bedeutung zurück, die sie in sich tragen.

Du zeigst mir die Bedeutung der Worte
und plötzlich erscheint mir die Sprache
wieder so reich und unendlich.

 

„Etwas beginnt, um zu enden: das Abenteuer läßt sich nicht verlängern; nur durch seinen Tod hat es einen Sinn. Auf diesen Tod, der vielleicht auch mein eigener sein wird, werde ich unwiederruflich hingetrieben. Jeder Augenblick kommt nur, um die folgenden nach sich zu ziehen. An jedem Augenblick hänge ich mit ganzem Herzen: ich weiß, daß er einmalig ist; unersetzlich ist – und trotzdem würde ich keine einzige Geste machen, um zu verhindern, daß er vergeht.“ (Sartre, Der Ekel)

Die Unmöglichkeit der Liebe

Sehnsucht nach: dem Unvollständigen, dem Mangel, der Leere. Haben wollen, etwas nicht haben zu können. Streben nach dem Zustand des Nichthabens, des Zweifelns, der Sehnsucht.

Die Suche nach dem Unvollendeten scheint als Widerspruch daherzukommen, gilt die Sehnsucht normalerweise dem, was einen komplettiert. Suche nach der Liebe bezeichnet die Suche nach diesem einen Ding, das fehlt. Das Finden der Liebe hebt den Zustand der Sehnsucht auf, doch ist es gerade die Sehnsucht nach der Sehnsucht, die viel erfüllender als das Stillen dieser selbst ist, weil sie als unerschöpflicher Prozess per definitionem nie an ein Ende kommt.

Sehnsucht nach: dem Nicht-Ding, der Nicht-Liebe, dem Zustand des Nichthabenkönnens ist Sehnsucht nach unerfüllter Liebe.

Unerfüllte Liebe ist Liebe in Gedanken. Die Liebe in Gedanken ist schöner, tiefer und unerschöpflicher als die vollendete Liebe.
Unerfüllte Liebe ist der Motor meines Lebens, meines Glücks. Sie treibt mich immer wieder an, sie lässt mich mich spüren. Durch den Mangel, den ich durch sie erleide, spüre ich die Lebendigkeit des Lebens.

Dagegen scheint die vollendete Liebe ein Verrat zu sein, ein Verrat an der Liebe selbst.
Das Ausleben der Liebe lässt diese sich an sich selbst ableben. Durch das stete Konsumieren dieser verschwindet von ihrem Zauber immer ein Stückchen mehr, bis schließlich nichts mehr von ihr übrig ist.

Doch auch das bedächtige Konsumieren der Liebe scheint diesen Prozess nicht aufhalten zu können, sondern ihn nur langsamer vonstattengehen zu lassen. Die Liebe in kleinen Happen ist auf Dauer unbefriedigend, sie treibt einen zur Verzweiflung. Denn der Gedanke bleibt: dass das alles noch nicht alles war.

Liebe muss immer 100% sein, darunter geht es nicht, darunter fühlt es sich nicht echt an. Darunter spürt man, dass man die Fast-Unerschöpflichkeit der Liebe noch nicht ausgeschöpft hat. Doch je mehr ich von der Liebe will, je mehr ich von ihr nehme, umso schneller verpufft sie. Sobald ich sie habe, sie gierig verschlungen, hört sie auf zu sein.

Aber was ist die Liebe für ein Ding, wenn ich sie verrate, weil ich sie lebe? Wenn sie durch ihr eigenes Existieren verschwindet? Wenn sie nur ist, weil sie gerade nicht ist, aber genau dann nicht ist, wenn sie ist?

Dann ist sie ein Widerspruch in sich, der nur in der Vorstellung existieren kann.
Sie ist sogar zweierlei widersprüchlich: Entweder als Suche nach dem Unvollständigen oder in ihrem sich an sich selbst ablebenden Ausleben.

Und so werde ich nur so lange verliebt sein, wie ich nicht verliebt bin, nur so lange glücklich sein, wie ich traurig bin, nur so lange bei dir sein, wie ich nicht bei dir bin.

Der Durst des Lebens

Wenn alle Taten
schon getan
Alle Worte
schon gesagt
Alle Gedanken
schon gedacht

Wie kann dieses Leben dann weitergehen?
Wenn es so beschränkt ist
Wenn ich

Nichts Neues denken kann
Nichts Neues sagen kann
Nichts Neues tun kann

Dann bin ich zum Stillstand verdammt.

Der Durst des Lebens
trotz alledem
unstillbar
unvergehbar

Ihr schreibt meine Geschichte

Ihr schreibt meine Geschichte

Ihr seid
meine Kriege
auf den Frieden warte ich vergeblich

Ihr seid
meine Angst
wenn ich auf unbekanntes Terrain schreite

Ihr seid
mein schlechtes Gewissen
wenn andere meinetwegen leiden

Ihr seid
meine Verzweiflung
der Schmerz, wenn die Welt untergeht

Ihr seid alles
und verschwindet doch in eurer Vereinzelung zu einer grauen Masse

Ich habe eine Wahl
Ich muss euch vergessen

Lyon

Ein Tisch, zwei kleine Hocker.
Ein Sofa, ein Bett, zwei Menschen, nur eine Decke.
Ein großes, schönes, französisches Zimmer, muffig.
Die Fenster mit dem Blick auf die Rue Paul Bert.

Die Stadt. Wir.
Wir sind verloren in dieser wunderschönen Stadt, zwischen all den Straßen,
Gassen, Plätzen und Menschen. Und doch, dazwischen, da sind wir.
So klein, und so bedeutend.

Ich muss nur die sieben Tage aufzählen, dann bin ich weg.
Was wird dann mit uns sein?
Dann wird diese Woche für immer konserviert in unserer Erinnerung.
Du, ich, die Stadt, keine Zeit, die zählt.

Eins.
Ein Blick, eine Umarmung, der Spaziergang im Dunkeln zu dir, nicht an die Saône.
Eine Flasche Wein, zwei zerbrochene Gläser.
Dunkelheit. Die stille Stadt.
Dein Körper neben meinem im Bett. So vertraut.

Zwei.
Französisches Baguette. Die kleinen Hocker.
Es ist Mittag, und wir erobern die Stadt.
So erschöpft.
Deine Hand berührt meine Hand.

Drei.
Auf dem Fahrrad, der frische Wind.
Im Park. Deine Hand.
Ich versinke in deinen Blicken und Berührungen.

Vier.
Dein Blick Er trifft mich ganz tief.
Dein Pullover. Er wärmt mich auf dem Weg nach draußen.
Dein Lächeln. Unsere Freude.

Fünf.
Das Eis, aber ohne Cupcake.
Die Rhône, ich weiß nicht, wohin.
Der Film, der Weg zurück auf dem Rad.

Sechs.
Viel zu viel schlechter Vodka.
Wir brauchen keine Party, wir haben uns.
Der Spaziergang durch das nächtliche Lyon, entlang der Saône.
Morgen schon.

Sieben.
Die Stadt. Ein letztes Mal.
Ich kann nicht.
Es ist so schwül, ich schwitze.
Ein letztes Mal liegen wir in deinem Bett.

weg.

Der Gedanke an den Tod

Der Gedanke an Tod
macht mich so traurig,
weil ich dann nicht mehr
bei dir sein kann.

Der Gedanke an den Tod
wäre erträglich,
wenn da nicht du wärst.
Er wäre mir sonst egal.

Er wäre mir egal,
weil man dann nichts spürt
und alles vorher Dagewesene
aufgehoben ist.

Aber die Gleichgültigkeit des Todes
ist nur hinnehmbar,
wenn man nicht weiß,
wie sich echtes Glück anfühlt.

Sie ist nicht hinnehmbar
im Bewusstsein dessen,
was wir hatten.

Die Nacht, der Morgen

In der Nacht spielt sich das Leben ab, hast du gesagt.
Die Nacht ist unser, und doch entgleitet sie uns ohne Warnung.
Ich will nie schlafen, aus Angst, es könne Morgen werden. Die Nacht gehen, und mit ihr, wir.
Wenn wir nur diese eine Nacht haben, soll sie ewig andauern. Dann will ich nie deine Hand loslassen, deinen blauen Blick verlieren, deinen Geruch vergessen.

Wenn die Nacht das Leben ist, so ist der Morgen der Tod. Im Lichte des Tages bietet sich alles so anders dar, das Mysterium der Dunkelheit ist vergangen.
Auch ohne Schlaf ist der Morgen da, einfach so, brutal.

Und auch, wenn ich die Nacht endlos in die Länge ziehen will, so weiß ich, entbehrt dieses Gedankens jedweder Sinn. Die Momente werden nicht schöner, weil sie länger und öfter sind. Jeder Moment ist nur so schön, wie er ist, egal wie lang, egal wie oft.
Die Einzigartigkeit eines Momentes anzuerkennen, bedeutet, seine Vergänglichkeit hinnehmen zu müssen.

#1

Du quälst mich mit deiner Abstinenz. Doch noch viel mehr quälst du mich mit deiner bloßen, wunderbaren Existenz.