xeniawenzel

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Kategorie: Schreibzeug

Ein einziger Sommer

Wann immer ich mit meinem Fahrrad durch den Gleimkiez Richtung Mauerpark fuhr, musste ich an dich denken. An unsere Zeit, als wir noch Nachbarn waren. Ich wohnte in der Kopenhagener, du in der Gleimstraße. Du klingeltest oft an meiner Tür, aufgeregt rannte ich ihr entgegen um dir freudestrahlend zu öffnen. Wir saßen in der Küche, um drei Uhr morgens, egal, zu welcher Uhrzeit, du machtest Tee, wir redeten eine Ewigkeit. Irgendwann begannen die Vögel zu zwitschern. Wir saßen an deinem Laptop und hörten Musik, du drehtest ein paar Zigaretten, die du nie rauchen würdest, nur, wenn du betrunken warst, aber dann wüsstest du, dass ich sauer auf dich wäre. Wenn es hell wurde, legten wir uns in dein Bett und schliefen nebeneinander ein.
Wir gingen aus, wir kauften Bier, wir liefen durch die Straßen von Berlin-Mitte und tranken es, wir gingen zu McDonalds und du kauftest dir einen Burger, wir saßen an irgendwelchen skurrilen Plätzen dieser Stadt, starrten auf den Verkehr, die Lichter zogen vorbei, im Regen, wir geschützt unter einem Dach.
Das Bier war leer, wir betraten einen Club, in Mitte, in Prenzlauer Berg, in Kreuzberg, es war laut, es war voll, es war dunkel, deine Augen weiteten sich immer mehr, schauten mich an, im Flackern des bunten Lichtes tanzte ich, wir beide in einem Strudel, einem Sog, durch den Alkohol verstärkt. Bald vermischten sich die Menschen mit der Musik mit der Dunkelheit der Räume. Dann sah ich nur noch dich. Und wartete darauf, dass du mich küsstest. Was du manchmal tatest, manchmal nicht. Denn wenn du mich küsstest, bekamen wir nicht genug davon und der Abend endete unweigerlich im Bett. Wovor du dich fürchtetest, aber manchmal auch nicht.
Wenn es jetzt dunkel ist und ich in der Gegend bin, wünsche ich mir so oft, du würdest wieder vor meiner Tür stehen und wir würden uns freudig anblicken.
Ich sei der unsicherste Mensch, den du kanntest, das hast du des Öfteren betont, und doch warst du nicht gern ohne mich.
Wir sprachen von Glück, auch, wenn wir es fast nie spürten. Wir waren Jäger, Jäger des Glücks. Das war unser Lebenssinn – der Versuch, ein unstetes Gefühl zu erhaschen. Unser einzig wahrer Kick. Wir hangelten uns von Glücksmoment zu Glücksmoment, immer mit so viel Energie ausgestattet, dass es gerade so zum nächsten Mal reichen würde.
Ich will, dass du vor meiner Tür stehst, ich will, dass du mich anstrahlst! Ich will mit dir all die schönen Dinge erleben, die wir taten, als das Leben noch jung und unbeschwert war. Warum muss Zeit einfach so unaufhörlich und rücksichtslos verstreichen? Wieso kann ich den Moment nicht anhalten, nur einen Moment? Bald werden wir nur noch Staub sein und es wird egal sein, wer wir waren, was wir taten.
Nur einen Moment für uns, denn wir sind nicht egal.

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Das Zimmer

Dein Zimmer, ich erinnere mich noch ganz genau. Das Klavier, die blaue Couch, der riesige Kleiderschrank, die Matratze auf dem Boden, die Schwarz-Weiß-Bilder an der Wand, alles habe ich noch genau vor Augen.

Wenn du dich nur in Luft auflösen könntest, wenn du es nur schafftest, die Illusion von dir zu zerstören. Ein Treffen mit dir würde genügen, um dich zu entzaubern, ich bin mir sicher. Einst war ich in Paris, nun weilst du dort. Du wirst dich in andere Mädchen verlieben, ich werde aus deinem Bewusstsein entschwinden. Ich hier, du da, ich kann nichts tun, außer dich zu vermissen. Die Besonderheit unserer Geschichte liegt in der Einmaligkeit unserer Begegnung begründet. Einmal, und nie wieder, und trotzdem werde ich an Erinnerungen daran nicht satt. Die Gedanken an dich sind so präsent wie an jenem Tag, der auf unser Treffen folgte, vielleicht sogar noch deutlicher und klarer. Dass ich nichts über dich und dein Leben weiß, macht den Schmerz erträglich. So bleibst du immer gutmütig, einseitig und schön. Je mehr ich von dir und deinem Leben wüsste, umso mehr würde es mich zerstören, umso größer meine Sorgen.So ist die unerfüllte Liebe eine nicht endende, sie bezieht ihr Material aus immer den selben, traumhaften Geschehnissen und will dennoch nicht verblassen. Eine Konfrontation mit der Realität ließe sie verkommen, doch das will sie nicht, hätte sie sich sonst absentiert.  

Berliner Beobachtungen (2006)

1.

Es ist Januar. Ich stehe am Bahnhof Friedrichsfelde Ost und warte auf meine Bahn. Es ist kalt. Der Wind wirbelt die vereinzelten Schneeflocken umher. Der Bahnhof ist grau und verschmutzt. Die wartenden Menschen blicken dunkel drein. Sie verbreiten eine depressive Stimmung. Ihr Kopf ist voller negativer, überschüssiger Gedanken. Sie stellen ihre Einkaufstüten vor die Füße und schauen grimmig umher. Alles scheint gleich und grau in meinen Augen. Ich will nicht betrübt sein! Ich will froh sein, umherspringen und den Wind spüren! Auf der Bank sitzen zwei Jungen, vielleicht dreizehn. Sie sitzen breitbeinig da, mit ihren Goldkettchen und dünnen, geöffneten Jacken. Mit ihren kurzen Söckchen in den Turnschuhen. Mit ihrem höhnisch überlegenden Grinsen. Der eine bewegt sich auf den Getränke- und Süßwarenautomaten zu. Er stellt sich grüblerisch davor. Er wirft eine Münze ein. Er wählt eine Nummer und wartet. Es ist einer dieser Automaten mit Spiralen, die sich drehen, wenn ein Produkt gefordert wird. Und da Maschinen immer nur so gut funktionieren, wie der Mensch sie geschaffen hat, kommt es von Zeit zu Zeit vor, dass das Produkt nicht in das Auffangbehältnis gelangt, sondern stecken bleibt. Ich sehe den Jungen, und weiß, dass ihm jenes geschehen wird.“Scheiße! Das Ding bleibt stecken! Hey!” Er sieht zu seinem Freund hinüber. Dieser sitzt nur da und zuckt mit den Schultern. Ein leichtes Grinsen huscht über seine Lippen. “Was soll der Scheiß? Hey!” Der Junge entfernt sich ein Schritt von dem Automaten und wartet eine Augenblick. Dann beginnt er, dagegen zu treten. Ein mal. Zwei mal. Er schreit. Nichts geschieht. Er hatte ein Fruchtsaftpäckchen gewählt. Sein Freund sitzt nur da. Die Bahn fährt ein.

2. 

Ein durchdringender Geruch umhüllt meine Nase. Ein Geruch von Bier und Schweiß, von Angst und Scham. Der Mann steht in der Straßenbahn direkt neben mir. Die Menschen mustern ihn mit ihren argwöhnischen und abwertenden Blicken. Ich empfinde Mitleid für ihn.
Ich will diesen Menschen nicht nach seinem Äußeren beurteilen, nach seinem sozialen Stand oder Bierkonsum. Es fällt mir schwer. Der Mann ist klein und dürr, er trägt einen langen, weißen Bart, eine Brille und eine braune Lederjacke. Sein Rücken ist stark gekrümmt. In einer Hand hält er eine Bierdose. Mit der anderen sucht er Halt an einer Stange.
“Was starrt ihr so? Ich bin nicht asozial!” Bei der nächsten Station fährt ein Rollstuhlfahrer ein. Dazu muss die Plattform, auf der der Mann und ich stehen, angehoben werden. Ich gehe ein paar Schritte nach hinten. Ich habe Angst, was geschehen wird.
Der Mann bleibt stehen. Der Straßenbahnfahrer verlässt seine Kabine, um dem Mann zu sagen, er solle sich bitte einen anderen Platz suchen. Er weigert sich. Er verliert das Gleichgewicht und fällt hin. Der Rollstuhlfahrer wartet ungeduldig in der Kälte. Der Straßenbahnfahrer hilft dem Mann auf, lässt die Plattform anheben und der Rollstuhlfahrer kann hinein. Für den Rest der Fahrt verhält sich der Mann ruhig, dann steige ich aus.

3. 

Auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee liegt ein angebissenes belegtes Brot auf dem Boden. Ich stehe gegen eine Brüstung gelehnt, vor mir die Gleise, hinter mir Treppen, die in ein sogenanntes Einkaufsparadies führen. Schon vor Betreten des Bahnhofs war mir eine Frau aufgefallen, die ständig den Namen eines ihrer Kinder schrie. Ganz offensichtlich schien sie mit der Situation überfordert: das eine, wahrscheinlich älteste Kind, außer Reichweite, ein weiteres immer dicht bei ihr, ein drittes, das jüngste, im Kinderwagen. Alle drei waren Jungen, alle drei sahen sich sehr ähnlich. Das Älteste wollte nicht gehorchen. Weitab von seiner Mutter und seinen Brüdern stand es, unwillig, sich zu bewegen, so oft die Mutter auch schrie, er solle zu ihr kommen. Sie steuert den Bahnsteig an. Die beiden älteren Geschwister hat sie bisweilen zur Treppe gebracht. Niemand hilft ihr, den Kinderwagen nach oben zu tragen. Sie nimmt das schwere Gerät allein in ihre zwei mageren Arme und trägt es nach oben. Ihre andern beiden Kinder warten sitzend auf dreckigem Boden.  Sie sehen traurig und verlassen aus. Oben erwartet die Mutter ihre zwei fehlenden Kinder. Sie sind noch so jung, sie wollen den Weg nicht allein bewältigen. Es scheint, als kümmere sie sich nur um ihr Jüngstes. „Gemein, wa? Gemein, wa? Gemein, wa?“, brüllt das ältere Kind seinen etwas jüngeren Bruder an, immer und immer wieder schluchzt es jene Worte. Die Schreie hallen in mir wider, sie durchziehen meinen Körper wie ein leiser Schmerz. Schließlich kommt eine alte Frau herbei, die stehen bleibt und sich nach den Kindern umdreht. Sie nimmt das jüngere bei der Hand und steigt mit ihm die Treppen nach oben. Das ältere bleibt sitzen. Auch er möchte geholt werden, doch niemand kommt seinem Wunsch nach. „Die Bahn fährt ein!“, schreit die Mutter vom Bahnsteig. Der kleine Junge kämpft sich nach oben. Kaum ist er da, geht er wieder ein paar Stufen hinunter. Er will seine Mutter provozieren. Als er die Bahn sieht, wendet er sich jedoch um und folgt seiner Familie in das Abteil. Ich höre ihn schreien, bis die Automatiktüren sich schließen.

Schmetterling

In Berlin gibt es keine Liebe. Du hast sie gesucht, vergeblich, du fandest sie nie. In jeder Ecke hast du gesucht, in jedem Club, jeder Bar, jedem Seminar. Nichts. Sie blieb fern. Immer deutlicher zeigte sich dir die Liebe als Illusion, als ein Gefühl, was einfach nicht aufkommen mochte, welches Mädchen auch immer deinen Weg kreuzte. Manchmal warst du kurz davor, die Liebe zu packen, sie schwirrte um dich herum, wie ein aufgeregter Schmetterling, wunderschön, aber nicht einzufangen. Du schnapptest zu, sie entwich dir, immer wieder und mit jedem Mal entschwand sie nur noch schneller als zuvor. Irgendwann resigniertest du, sie einzufangen, sie zu suchen. Sie interessierte dich nicht mehr, konnte dich nicht mehr interessieren. Du hattest so viel in sie investiert, vergeblich.

Mit einem Mal begann sie, aus ihren Löchern hervorzukriechen, erst langsam, dann immer deutlicher. Sie machte sich bemerkbar, an den unvorstellbarsten Orten spürtest du plötzlich ihre Anwesenheit. Mal hier, mal dort, mal stärker, mal schwächer. Bald war sie es, die dich verfolgte. Sie war überall, in jedem Mädchen. Doch du wolltest nicht. Mehr noch als Desinteresse schwankte deine Einstellung zu ihr zwischen Gleichgültigkeit und Angst, wenn sie dir zu nahe kam. Du hattest dir die Liebe schlichtweg abgewöhnt und nun, da sie vor dir stand, in den verschiedensten Facetten, lehntest du sie ab. Du hattest das Gefühl, jahrelang einer Illusion hinterhergerannt zu sein und wie sie da plötzlich vor die stand, war sie dir fremd geworden. Ihre bloße Anwesenheit löste nichts mehr in dir aus: keine Hoffnungen, keine Träume, und erst recht keine Gefühle. Die Liebe tat alles, um dich wachzurütteln, sie wollte unbedingt wieder Teil deines Lebens werden. Doch du stießest sie ab, und mit ihr, viele verstörte Seelen, die verzweifelt schrien, du seist ihnen eine Erklärung schuldig. Dir war nicht klar, wovon sie sprachen, du hattest doch so viel getan, für die Liebe, jahrelang. Die Seelen widerten dich an, sie sollten dich in Ruhe lassen. Sie gaben nicht auf, eine nach der anderen wollte dich für sich gewinnen, dich aus deiner Apathie befreien, vergeblich. Die Liebe fing an, dich zu nerven. Du stießest sie energisch von dir weg, doch mit jedem Mal, dass du sie fortschicktest, kam sie nur umso gewaltiger zurück. Bald sahst du ein, dass es keinen Sinn machte, sich gegen sie zu wehren. Und so verfielst du zurück in den Status der Gleichgültigkeit. Dann kam ich.

 

Der erste Kuss

Der erste Kuss, dem ich mich nie entsinnen kann, bei keinem Mann, so auch nicht bei dir. Alles was herum geschah, unser Treffen an der Spree, die Weinschorle, die Dunkelheit, die verrauchte, volle Bar, das intensive Gespräch an einem Berliner Hauseingang, dein Zimmer, dein Stöhnen, sehe ich noch klar vor Augen. Jedes Detail des Abends spielt sich vor mir ab wie ein Film, den ich von uns gedreht habe. Der einzige Film, den ich von uns habe. Warum nicht der Kuss, dieses einschneidende Ereignis, das dem Abend seine entscheidende Wendung gab? Alles, was danach kam und darüber hinaus ging, ist mir noch präsent, doch die Erinnerung an den Moment, an dem sich das erste Mal reine, sinnliche Intimität herstellte, bleibt mir verwehrt. Vermöge des Alkohols, den wir in dieser Nacht nicht zu knapp tranken, bleibt diese gesamte Nacht für mich für immer ein Fest, ein Rausch. Nur ein Film, nur ein Traum könnte so großartig sein wie das, was ich mit dir erleben durfte, wohl nie wieder erleben werde. Es ist dein Ableben kurz darauf, das dieser Geschichte seinen besonderen Kick gab, den Kick des Einmaligen, des Unwiederholbaren, des Nicht-Zurückhol-baren. Ein Ableben nur symbolischer Art, denn gewiss lebtest du noch, nur nicht mehr in meiner Welt, aus der du dich gewollt entzogen hattest. Tage vergingen, Wochen, Monate. Und doch wurden die Gedanken an dich nicht weniger, die Träume nicht minder. Eine einzige Nacht hatte ausgereicht, um stets von dieser und dir zu zehren. Für den Rest meines Lebens. So viel Input beinhalteten diese acht Stunden mit dir, von denen wir fünf redeten, zwei schliefen und uns eine liebten. Es wäre zu schön gewesen, hätte mein lottriger Sommer für immer so weitergehen können. Ein Spiel um Liebe und Lust, das ich nur gewinnen konnte, weil ich an ihm de facto gar nicht beteiligt war. So hatte ich die Fäden in der Hand, konnte aussteigen, wann immer es mir zu viel wurde. Du machtest der ganzen Sache einen Strich durch die Rechnung. Auf einmal wurde aus dem Sommer ganz schnell Herbst, es begann zu regnen, es wurde dunkel, einsam, grau, trist. Mit einem Mal warst da nur noch du, obwohl du eben nicht mehr warst.