Die Unmöglichkeit der Liebe

von xeniawenzel

Sehnsucht nach: dem Unvollständigen, dem Mangel, der Leere. Haben wollen, etwas nicht haben zu können. Streben nach dem Zustand des Nichthabens, des Zweifelns, der Sehnsucht.

Die Suche nach dem Unvollendeten scheint als Widerspruch daherzukommen, gilt die Sehnsucht normalerweise dem, was einen komplettiert. Suche nach der Liebe bezeichnet die Suche nach diesem einen Ding, das fehlt. Das Finden der Liebe hebt den Zustand der Sehnsucht auf, doch ist es gerade die Sehnsucht nach der Sehnsucht, die viel erfüllender als das Stillen dieser selbst ist, weil sie als unerschöpflicher Prozess per definitionem nie an ein Ende kommt.

Sehnsucht nach: dem Nicht-Ding, der Nicht-Liebe, dem Zustand des Nichthabenkönnens ist Sehnsucht nach unerfüllter Liebe.

Unerfüllte Liebe ist Liebe in Gedanken. Die Liebe in Gedanken ist schöner, tiefer und unerschöpflicher als die vollendete Liebe.
Unerfüllte Liebe ist der Motor meines Lebens, meines Glücks. Sie treibt mich immer wieder an, sie lässt mich mich spüren. Durch den Mangel, den ich durch sie erleide, spüre ich die Lebendigkeit des Lebens.

Dagegen scheint die vollendete Liebe ein Verrat zu sein, ein Verrat an der Liebe selbst.
Das Ausleben der Liebe lässt diese sich an sich selbst ableben. Durch das stete Konsumieren dieser verschwindet von ihrem Zauber immer ein Stückchen mehr, bis schließlich nichts mehr von ihr übrig ist.

Doch auch das bedächtige Konsumieren der Liebe scheint diesen Prozess nicht aufhalten zu können, sondern ihn nur langsamer vonstattengehen zu lassen. Die Liebe in kleinen Happen ist auf Dauer unbefriedigend, sie treibt einen zur Verzweiflung. Denn der Gedanke bleibt: dass das alles noch nicht alles war.

Liebe muss immer 100% sein, darunter geht es nicht, darunter fühlt es sich nicht echt an. Darunter spürt man, dass man die Fast-Unerschöpflichkeit der Liebe noch nicht ausgeschöpft hat. Doch je mehr ich von der Liebe will, je mehr ich von ihr nehme, umso schneller verpufft sie. Sobald ich sie habe, sie gierig verschlungen, hört sie auf zu sein.

Aber was ist die Liebe für ein Ding, wenn ich sie verrate, weil ich sie lebe? Wenn sie durch ihr eigenes Existieren verschwindet? Wenn sie nur ist, weil sie gerade nicht ist, aber genau dann nicht ist, wenn sie ist?

Dann ist sie ein Widerspruch in sich, der nur in der Vorstellung existieren kann.
Sie ist sogar zweierlei widersprüchlich: Entweder als Suche nach dem Unvollständigen oder in ihrem sich an sich selbst ablebenden Ausleben.

Und so werde ich nur so lange verliebt sein, wie ich nicht verliebt bin, nur so lange glücklich sein, wie ich traurig bin, nur so lange bei dir sein, wie ich nicht bei dir bin.