Der erste Kuss

von xeniawenzel

Der erste Kuss, dem ich mich nie entsinnen kann, bei keinem Mann, so auch nicht bei dir. Alles was herum geschah, unser Treffen an der Spree, die Weinschorle, die Dunkelheit, die verrauchte, volle Bar, das intensive Gespräch an einem Berliner Hauseingang, dein Zimmer, dein Stöhnen, sehe ich noch klar vor Augen. Jedes Detail des Abends spielt sich vor mir ab wie ein Film, den ich von uns gedreht habe. Der einzige Film, den ich von uns habe. Warum nicht der Kuss, dieses einschneidende Ereignis, das dem Abend seine entscheidende Wendung gab? Alles, was danach kam und darüber hinaus ging, ist mir noch präsent, doch die Erinnerung an den Moment, an dem sich das erste Mal reine, sinnliche Intimität herstellte, bleibt mir verwehrt. Vermöge des Alkohols, den wir in dieser Nacht nicht zu knapp tranken, bleibt diese gesamte Nacht für mich für immer ein Fest, ein Rausch. Nur ein Film, nur ein Traum könnte so großartig sein wie das, was ich mit dir erleben durfte, wohl nie wieder erleben werde. Es ist dein Ableben kurz darauf, das dieser Geschichte seinen besonderen Kick gab, den Kick des Einmaligen, des Unwiederholbaren, des Nicht-Zurückhol-baren. Ein Ableben nur symbolischer Art, denn gewiss lebtest du noch, nur nicht mehr in meiner Welt, aus der du dich gewollt entzogen hattest. Tage vergingen, Wochen, Monate. Und doch wurden die Gedanken an dich nicht weniger, die Träume nicht minder. Eine einzige Nacht hatte ausgereicht, um stets von dieser und dir zu zehren. Für den Rest meines Lebens. So viel Input beinhalteten diese acht Stunden mit dir, von denen wir fünf redeten, zwei schliefen und uns eine liebten. Es wäre zu schön gewesen, hätte mein lottriger Sommer für immer so weitergehen können. Ein Spiel um Liebe und Lust, das ich nur gewinnen konnte, weil ich an ihm de facto gar nicht beteiligt war. So hatte ich die Fäden in der Hand, konnte aussteigen, wann immer es mir zu viel wurde. Du machtest der ganzen Sache einen Strich durch die Rechnung. Auf einmal wurde aus dem Sommer ganz schnell Herbst, es begann zu regnen, es wurde dunkel, einsam, grau, trist. Mit einem Mal warst da nur noch du, obwohl du eben nicht mehr warst.