Berliner Beobachtungen (2006)

von xeniawenzel

1.

Es ist Januar. Ich stehe am Bahnhof Friedrichsfelde Ost und warte auf meine Bahn. Es ist kalt. Der Wind wirbelt die vereinzelten Schneeflocken umher. Der Bahnhof ist grau und verschmutzt. Die wartenden Menschen blicken dunkel drein. Sie verbreiten eine depressive Stimmung. Ihr Kopf ist voller negativer, überschüssiger Gedanken. Sie stellen ihre Einkaufstüten vor die Füße und schauen grimmig umher. Alles scheint gleich und grau in meinen Augen. Ich will nicht betrübt sein! Ich will froh sein, umherspringen und den Wind spüren! Auf der Bank sitzen zwei Jungen, vielleicht dreizehn. Sie sitzen breitbeinig da, mit ihren Goldkettchen und dünnen, geöffneten Jacken. Mit ihren kurzen Söckchen in den Turnschuhen. Mit ihrem höhnisch überlegenden Grinsen. Der eine bewegt sich auf den Getränke- und Süßwarenautomaten zu. Er stellt sich grüblerisch davor. Er wirft eine Münze ein. Er wählt eine Nummer und wartet. Es ist einer dieser Automaten mit Spiralen, die sich drehen, wenn ein Produkt gefordert wird. Und da Maschinen immer nur so gut funktionieren, wie der Mensch sie geschaffen hat, kommt es von Zeit zu Zeit vor, dass das Produkt nicht in das Auffangbehältnis gelangt, sondern stecken bleibt. Ich sehe den Jungen, und weiß, dass ihm jenes geschehen wird.“Scheiße! Das Ding bleibt stecken! Hey!” Er sieht zu seinem Freund hinüber. Dieser sitzt nur da und zuckt mit den Schultern. Ein leichtes Grinsen huscht über seine Lippen. “Was soll der Scheiß? Hey!” Der Junge entfernt sich ein Schritt von dem Automaten und wartet eine Augenblick. Dann beginnt er, dagegen zu treten. Ein mal. Zwei mal. Er schreit. Nichts geschieht. Er hatte ein Fruchtsaftpäckchen gewählt. Sein Freund sitzt nur da. Die Bahn fährt ein.

2. 

Ein durchdringender Geruch umhüllt meine Nase. Ein Geruch von Bier und Schweiß, von Angst und Scham. Der Mann steht in der Straßenbahn direkt neben mir. Die Menschen mustern ihn mit ihren argwöhnischen und abwertenden Blicken. Ich empfinde Mitleid für ihn.
Ich will diesen Menschen nicht nach seinem Äußeren beurteilen, nach seinem sozialen Stand oder Bierkonsum. Es fällt mir schwer. Der Mann ist klein und dürr, er trägt einen langen, weißen Bart, eine Brille und eine braune Lederjacke. Sein Rücken ist stark gekrümmt. In einer Hand hält er eine Bierdose. Mit der anderen sucht er Halt an einer Stange.
“Was starrt ihr so? Ich bin nicht asozial!” Bei der nächsten Station fährt ein Rollstuhlfahrer ein. Dazu muss die Plattform, auf der der Mann und ich stehen, angehoben werden. Ich gehe ein paar Schritte nach hinten. Ich habe Angst, was geschehen wird.
Der Mann bleibt stehen. Der Straßenbahnfahrer verlässt seine Kabine, um dem Mann zu sagen, er solle sich bitte einen anderen Platz suchen. Er weigert sich. Er verliert das Gleichgewicht und fällt hin. Der Rollstuhlfahrer wartet ungeduldig in der Kälte. Der Straßenbahnfahrer hilft dem Mann auf, lässt die Plattform anheben und der Rollstuhlfahrer kann hinein. Für den Rest der Fahrt verhält sich der Mann ruhig, dann steige ich aus.

3. 

Auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee liegt ein angebissenes belegtes Brot auf dem Boden. Ich stehe gegen eine Brüstung gelehnt, vor mir die Gleise, hinter mir Treppen, die in ein sogenanntes Einkaufsparadies führen. Schon vor Betreten des Bahnhofs war mir eine Frau aufgefallen, die ständig den Namen eines ihrer Kinder schrie. Ganz offensichtlich schien sie mit der Situation überfordert: das eine, wahrscheinlich älteste Kind, außer Reichweite, ein weiteres immer dicht bei ihr, ein drittes, das jüngste, im Kinderwagen. Alle drei waren Jungen, alle drei sahen sich sehr ähnlich. Das Älteste wollte nicht gehorchen. Weitab von seiner Mutter und seinen Brüdern stand es, unwillig, sich zu bewegen, so oft die Mutter auch schrie, er solle zu ihr kommen. Sie steuert den Bahnsteig an. Die beiden älteren Geschwister hat sie bisweilen zur Treppe gebracht. Niemand hilft ihr, den Kinderwagen nach oben zu tragen. Sie nimmt das schwere Gerät allein in ihre zwei mageren Arme und trägt es nach oben. Ihre andern beiden Kinder warten sitzend auf dreckigem Boden.  Sie sehen traurig und verlassen aus. Oben erwartet die Mutter ihre zwei fehlenden Kinder. Sie sind noch so jung, sie wollen den Weg nicht allein bewältigen. Es scheint, als kümmere sie sich nur um ihr Jüngstes. „Gemein, wa? Gemein, wa? Gemein, wa?“, brüllt das ältere Kind seinen etwas jüngeren Bruder an, immer und immer wieder schluchzt es jene Worte. Die Schreie hallen in mir wider, sie durchziehen meinen Körper wie ein leiser Schmerz. Schließlich kommt eine alte Frau herbei, die stehen bleibt und sich nach den Kindern umdreht. Sie nimmt das jüngere bei der Hand und steigt mit ihm die Treppen nach oben. Das ältere bleibt sitzen. Auch er möchte geholt werden, doch niemand kommt seinem Wunsch nach. „Die Bahn fährt ein!“, schreit die Mutter vom Bahnsteig. Der kleine Junge kämpft sich nach oben. Kaum ist er da, geht er wieder ein paar Stufen hinunter. Er will seine Mutter provozieren. Als er die Bahn sieht, wendet er sich jedoch um und folgt seiner Familie in das Abteil. Ich höre ihn schreien, bis die Automatiktüren sich schließen.

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